Baubiologie und Oekologie

Gesundes Bauen und Wohnen

Bayreuth, 22.09.2017

 

Wohnen im wandelbaren Würfel

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24.10.2004 - (wams)Als Single in die eigenen vier Wände ziehen, dort Kinder kriegen und mit 66 Jahren das Leben im selben Haus noch einmal neu beginnen. All diesen Lebenslagen soll sich die Immobilie von heute anpassen.

Architekten von heute reagieren mit neuen Konzepten: Die neuen Häuser sind innen flexibel und können mit der Familie wachsen und für neue Nutzungen umgebaut oder auch Hausteile angebaut werden. Und "temporäre" Wohnungen lassen sich kurzerhand auf einen Sattelschlepper laden und an einen völlig neuen Wohnort transportieren.

Einst wurde steinern für die Ewigkeit gebaut. Heute kommt zunehmend Holz als Baustoff für flexible Konzepte zum Einsatz. "Der Holzbau ist wegen seiner kostengünstigen Veränderbarkeit ideal für wandelbare Gebäude", erklärt Architekt Ludger Dederich vom Holzabsatzfonds (Bonn). Seit Anfang der 90er Jahre hat sich der Anteil der Holzhäuser an den Eigenheimen auf 15 Prozent verdoppelt. Zudem steige der Bedarf an wandelbaren Bürogebäuden, Kindergärten, Mehrzweckhallen oder Ausstellungsräumen.

Mit einem Holzkonzept hat beispielsweise die Stadt Fürth auf die stark schwankende Nachfrage in Kindergärten reagiert. Für eine vorübergehende Gruppe war eine nicht dauerhafte Erweiterung notwendig, die ein anderer Kindergarten aber bekommen sollte. Geplant wurde ein versetzbarer Holzanbau, der für beide Kinderhäuser verwendbar war. Wenn er am ersten Standort ausgedient hat, kommt der Anbau per Sattelschlepper zum Einsatzort Nr. 2 - und spart 85 Prozent Baukosten.

In München soll die schwierige Wohnsituation für Studenten ebenfalls durch ein temporäres Konzept gemildert werden. Etwa 3000 Unterkünfte fehlen, in den vergangenen Jahren mußten im Wintersemester Matratzenlager in Turnhallen des Studentenwerks eingerichtet werden. Wegen dieser Notlage hatte der Geschäftsführer des Studentenwerks, Dieter Maßberg, beim Lehrstuhl für Architektur an der TU München die Entwicklung alternativer Formen des temporären Wohnens angeregt: "Ein Student sucht ja kein Haus für die nächsten 30 Jahre, sondern für die Zeit seines Studiums."

So entstanden die Entwürfe für das Munich Compact Home. Im 2,60 Meter großen Würfel ist alles untergebracht, was der Student braucht: ein Bett, das sich hydraulisch wegklappen läßt, ein Arbeitsplatz mit Internet-Anschluß, eine Sitzecke. Ein Raum kann dabei zur Dusche umgebaut werden. "Der Würfel bietet denselben Wohnkomfort wie eine normale Wohnung, nur auf kleinerer Fläche. Viele Elemente lassen sich umfunktionieren", erklärt die Architektin Lydia Haack.

Die Größe diktiert der Sattelschlepper, der den Wohnwürfel später einmal transportieren wird. "Wir wollen Grundstücke pachten, die für eine Bebauung erschlossen sind, aber noch zwei bis drei Jahre leer stehen", erklärt Maßberg. Dort sollen die mobilen Einheiten aufgestellt werden, in den Ferien werden sie umgesetzt. So mangele es auch bei der Messe an Übernachtungsmöglichkeiten für das Personal. Derzeit wird der erste Prototyp des Minihauses gebaut.

Das Mobilfunkunternehmen O2 sponsert die Errichtung der ersten elf Wohnwürfel für Studenten. Die waren nach einer Besichtigung des Modells an der Uni sehr angetan. Doch der Entwurf weckte auch Interesse außerhalb der Alma mater. Bei der Architektin meldeten sich Interessenten, die ein Würfelhaus als Ferienimmobilie oder Zweithaus aufstellen möchten.

Temporär ist auch ein weiteres Modell, das im Namen aber vom Gegenteil spricht, das "Für-immer-Haus". "In unserer Gesellschaft wird immer mehr Mobilität und Flexibilität gefordert, deshalb bieten wir einen Haustyp an, der sich immer neuen Lebensumständen anpaßt", erläutert Uwe Graf von der Deutschen Bau- und Grundstücks-AG. Die Berliner Architekten Meyer, Ernst & Partner haben das mitwachsende Wohngebäude für den Wettbewerb das "Städtische Haus" entwickelt. Es wächst mit, wenn der Bewohner heiratet, Kinder bekommt oder zu Hause eine Ich-AG aufbauen muß. Das Kinderzimmer wird zum Büro oder zur abgetrennten Einliegerwohnung. Der Massivbau mit Holzelementen kann unkompliziert auch mit einer Dachterrasse nachgerüstet werden.

"Das Haus hat nur wenige tragende Zwischenwände. Deshalb macht es fast alles mit", sagt Graf. Im hart umkämpften hauptstädtischen Immobilienmarkt soll so eine Marktlücke erschlossen werden. Auch durch den Preis: Die 110 Quadratmeter große Variante soll 175 000 Euro kosten, die dreigeschossige Version 215 000 Euro.

von Susanne Ziegert . Artikel erschienen am 24. Oktober 2004. Welt am Sonntag. www.wams.de