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Bayreuth, 18.11.2017

 

Weichmacher gefährden die Gesundheit

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21.10.2002 - Ob ein potentiell schädlicher Stoff die Gesundheit des Menschen bedroht, lässt sich ohne den Nachweis der Konzentration im menschlichen Organismus nicht sagen. Das Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin der Universität Erlangen-Nürnberg (Direktor: Prof. Dr. Hans Drexler) hat einen Durchbruch auf diesem Gebiet zu verzeichnen. Unter der Leitung von Prof. Dr. Jürgen Angerer ist es erstmals gelungen, einem allgegenwärtigen und als gefährlich eingestuften "Weichmacher", der unter anderem die Fortpflanzungsfähigkeit beeinträchtigen kann, anhand von Stoffwechselprodukten auf die Spur zu kommen, die im menschlichen Körper gebildet werden.

Die erste Anwendung der neuen Untersuchungsmethode führte zu bedenklichen Ergebnissen

In einer Testgruppe wies ein Drittel der Personen Dosen auf, die den Vorsorgewert überschritten. Diethylhexylphthalat (DEHP) gehört zur Stoffklasse der Phthalate, die Kunststoffen ihre Elastizität verleihen. Im Alltag einer modernen Gesellschaft sind solche Weichmacher überall zu finden. Haushaltsgeräte, Lebensmittelverpackungen, Kunststoffbeläge, Körperpflegeprodukte, Lösungsmittel - die Liste der Gegenstände, die Phthalate enthalten, ließe sich lange fortsetzen.

DEHP ist bei weitem der wichtigste Kunststoff-Weichmacher

Allein in Deutschland werden jährlich etwa 250.000 Tonnen produziert. Von höchster umweltmedizinischer Bedeutung ist dies, weil DEHP unter den Phthalaten auch die größte toxische Wirksamkeit aufweist. Besonders ausgeprägt sind die hormonähnlichen Wirkungen. Das US-amerikanische Centre for the evaluation of risks to the human reproduction (CERHR) stuft DEHP als "ernsthaft bedenklich für die menschliche Fortpflanzung" ein. Vor allem die Fortpflanzungsfähigkeit von Männern kann gefährdet sein. Außerdem hat die Deutsche Forschungsgemeinschaft dem DEHP in diesem Jahr bescheinigt, dass es das Krebswachstum begünstigt.

Entscheidend ist, wie viel der Mensch von der Substanz aufnimmt

Die Frage nach der Gesundheitsgefährdung durch DEHP kann aber nur beantwortet werden, wenn man weiß, wie viel der Mensch von dieser Substanz aufnimmt. Allein die Dosis macht eine chemische Substanz zum Gift. Bisher war es nicht möglich, diese Substanzen oder ihre Stoffwechselprodukte im menschlichen Körper störungsfrei zu bestimmen. Da Phthalate überall auftreten, sind Verunreinigungen der Proben schwer zu vermeiden. Um zu klären, welche Phthalatmengen im menschlichen Körper tatsächlich anzutreffen sind, förderte die Deutsche Forschungsgemeinschaft ein Forschungsvorhaben an dem Erlanger Institut. Holger Koch, Doktorand des Instituts für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin und staatlich geprüfter Lebensmittelchemiker, hat das Projekt mit großem Erfolg bearbeitet.Gelöst wurde die diffizile Aufgabe, indem im menschlichen Urin Stoffwechselprodukte des DEHP erfasst wurden, die erst im Organismus entstehen. Diese Produkte können nicht "von außen" in die Urinproben gelangen, was falsche Ergebnisse ausschließt. Allerdings war es für diese Vorgehensweise nötig, solche Metaboliten zunächst im Labor herzustellen. Die Synthese der Stoffwechselprodukte ist im Rahmen des Forschungsprojekts ebenfalls zum ersten Mal gelungen.

Prüfen, ob Kinder besonders gefährdet sind

Mit Hilfe der Standardsubstanzen und unter Einsatz einer neu erarbeiteten analytischen Methode sind 85 Personen aus der Allgemeinbevölkerung untersucht worden. Für ein Drittel der Untersuchten wurden DEHP-Mengen festgestellt, welche die sogenannte reference dose (RfD) überschreiten. Die Referenzdosis ist ein von der Umweltbehörde der USA aufgestellter Wert, der aus Gründen der gesundheitlichen Vorsorge nicht überschritten werden sollte. "Dieses umweltmedizinische Ergebnis verdient um so mehr Beachtung, als damit zu rechnen ist, dass manche Bevölkerungsgruppen, darunter vor allem Kinder und Kleinkinder, noch größere DEHP-Mengen aufnehmen", stellte Prof. Angerer fest. Gleiches gilt für Dialysepatienten, Plasmaspender und alle, die besonders intensiven Kontakt mit Kunststoffen haben.
Weitere Informationen
Prof. Dr. Jürgen Angerer
Tel.: 09131/85-2 6131
angerer@asumed.med.uni-erlangen.de
Mediendienst FORSCHUNG Nr. 640 vom 21.10.2002