Baubiologie und Oekologie

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Bayreuth, 14.12.2017

 

Umwelterkrankte sollen raus aus der Psychoecke

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Umwelterkrankte sollen raus aus der Psychoecke
23.11.2017 - Umweltmediziner und Vertreter staatlicher Institutionen kommen nicht richtig zusammen. Deutlich zeigt sich dies an der Mitschrift eines Workshops im Rahmen des 7. LGL-Kongresses für den öffentlichen Gesundheitsdienst in München. Dr. Caroline Herr 1) als Vertreterin des Bayerischen Landesamts für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL), unterscheidet dabei zwischen Umweltmedizin im Gesundheitsschutz (staatliche Aufgabe) und Klinischer Umweltmedizin (die Arbeit in Kliniken und Arztpraxen). Die staatliche Institution beurteilt dabei nicht die Gesundheit einzelner, sondern die Auswirkungen der Umwelt auf die gesamte Bevölkerung. Problematisch seien dabei nicht die objektiven Umwelteinflüsse an sich, sondern die dadurch ausgelösten Ängste. Frau Dr. Herr findet für diese These aktuelle Beispiele in der Diskussion um die Windkraft und die geplanten Höchstspannungsleitungen von der Nordsee nach Süddeutschland. "Es muss in Betracht gezogen werden, dass vielleicht nicht die Stromtrassen (oder Windanlagen) selbst für die gesundheitlichen Probleme verantwortlich sind, sondern die subjektive Bedeutung und die Psyche eines Menschen eine große Rolle bei der Entstehung und Wahrnehmung von körperlichen Symptomen spielen können". Weiter führt Frau Dr. Herr aus, dass die unterirdische Verlegung der Stromkabel die Menschen beruhigen würde, obwohl mit der Maßnahme keine Verringerung der potentiellen Gefahren einher- ginge.
Wie die nachfolgenden Ausführungen zeigen, können sich Vertreter der Klinischen Umweltmedizin mit der oben genannten vereinfachten Darstellung nicht zufriedengeben. Denn in der Arbeit mit dem Patienten wenden die Ärzte eine komplexe Diagnostik an, um zu vermeiden, dass der Kranke sofort in die Psychoecke verschoben wird.

Wissenschaftliche Erkenntnisse belegen den Einfluss schädlicher Umwelteinflüsse

Dr. med. Wolfgang Baur, Facharzt für Umweltmedizin, kennt die Argumente von vielen Vertretern der Schulmedizin. In einem Artikel der Zeitschrift Umwelt-Medizin-Gesellschaft 2) zeigt der Mediziner das Kernproblem auf: "Wenn keine objektiven, fassbaren, naturwissenschaftlichen Nachweise mit messbaren Parametern, mit einer anerkannten Pathophysiologie, mit einer anerkannten klaren Pathobiochemie existieren, dann muss das Problem psychogen sein".
Wolfgang Baur gibt sich mit der schulmedizinischen Betrachtungsweise nicht zufrieden. Er verweist auf vorliegende Forschungsarbeiten über Quecksilber, Blei, Kadmium und andere Schadstoffe als Ursache für Multiple Chemikalienempfindlichkeit (MCS). Ebenfalls seien eine Reihe von Innenraumschadstoffen als Auslöser für das Sick-Building-Syndrom (SBS) bekannt. Nicht zuletzt lägen im Bereich Elektromagnetische Felder (EMF) internationale Forschungen vor, die belegen, dass die Einwirkung von Elektrosmog Zellstrukturen stören kann. Bekanntlich dauerte es Jahrzehnte, bis die gesundheitlichen Risiken von Asbest, Pentachlorphenol (PCP) oder Polychlorierten Biphenyle (PCB) von öffentlichen Stellen und vom Gesetzgeber anerkannt wurden.

Die Klinische Umweltmedizin arbeitet mit einer komplexen Stufen-Diagnostik

Umweltmediziner sind beileibe keine Einzelkämpfer. Sie organisieren sich in Verbänden und tauschen sich auf Kongressen aus. So entstand im Jahr 2011 eine handlungsorientierte umweltmedizinische Praxisleitlinie. Dr. Peter Ohnesorge 3) erläuterte anlässlich des LGL-Kongresses die Vorgehensweise, wenn Patienten unter Verdacht stehen, an umweltassoziierten Erkrankungen zu leiden. Anhand einer Stufendiagnostik sollen Stressoren oder Auslöser wahrgenommen und anschließend analytisch untermauert werden. Dazu zählt unter anderem ein Human-Biomonitoring, eine spezielle Laboranalytik und das Einbeziehen von Genetik und Epigenetik. "Die Wahrnehmung des Patienten und die Anamnese muss in den Praxen viel genauer werden", fordert Dr. Ohnsorge. Dafür müsse mehr Zeit zur Verfügungen stehen. An den Kosten sollte es nicht scheitern. Dr. Ortwin Zais 4) zeigt in einem Artikel in der UMG auf, was geschieht, wenn die tatsächlichen Ursachen der Krankheit nicht erkannt werden. "In Ermangelung einer Diagnose werden die Patienten zu psychisch Kranken erklärt, mit Psychopharmaka behandelt und in Rehamaßnahmen geschickt. Letztlich erfolglos, da die Patienten nicht psychisch krank sind. Am Ende der Kette steht dann die Frühverrentung mit Umschichtung auf einen anderen Kostenträger".

Mehrfachbelastungen sind in der Umweltmedizin die Regel

In der Umweltmedizin ist die pauschale toxikologische Bewertung eines linearen Dosis-Wirkungsprinzips nicht der Standard. "Mehrfachbelastungen mit Umweltfaktoren sind eher die Regel als die Ausnahme", berichtete Dr. Eckart Schnakenberg 5) anlässlich des LGL-Kongresses im Mai 2017. "Vielfach- und Komplexwirkung werden immer noch vollkommen ausgeblendet", weiß auch Dr. Wolfgang Baur aus langjähriger Praxis 6). Die Komplexwirkung sei quantitativ viel schwieriger zu messen und einzuschätzen. Die Herangehensweise nach der Formel "ein Stoff – ein Risiko" führe in der Umweltmedizin nicht zum Erfolg.

Ärztliche Individualkenntnisse im Gegensatz zu evidenzbasierten Studien

Medizinische Studien werden in die Evidenzklassen Ia bis IV eingeteilt. Studien in der Gruppe Ia genießen das höchste Ansehen. Diese Arbeiten sind durch eine schlüssige Literatur von guter Qualität belegt, die mindestens eine randomisierte Studie (Probanden sind nach dem Zufallsprinzip ausgewählt) enthält. Beratende Fachgremien für die Gesetzgebung berufen sich in Deutschland ausschließlich auf evidenzbasierte Studien. Die ärztlichen Erkenntnisse aus einer großen Zahl von Patientenbeobachtungen laufen hingegen bei den Fachgremien ins Leere. Diese Erfahrung machte vor zehn Jahren bereits die Bamberger Ärztin Dr. Cornelia Waldmann-Selsam. Selbst akribisch ausgearbeitete Fallbeschreibungen von mobilfunkgeschädigten Patienten wurden in der deutschen Strahlenschutzkommission (SSK) nicht als wissenschaftlicher Nachweis gewertet. Dr. Ortwin Zais beklagt diesen Zustand auch in der Klinischen Umweltmedizin. Seiner Meinung nach müsste die Erfahrung eines einzelnen Arztes mit tausenden von Patienten ein ähnliches Gewicht haben wie eine evidenzbasierte Studie. Für Dr. Wolfgang Baur stehen Erkenntnisse aus der Individualmedizin eventuell auf der untersten Stufe der evidenzbasierten Medizin. "Dennoch bieten sie eine Quelle ursprünglicher Frühwarnung, die viel ernster genommen werden sollte, als das heute geschieht."

Literatur

1) Dr. Caroline Herr, Zeitschrift Umwelt-Medizin-Gesellschaft (UMG), Ausgabe 4-2017, S. 16-17
2) Dr. Wolfgang Baur, Zeitschrift Umwelt-Medizin-Gesellschaft (UMG), Ausgabe 4-2017, S. 12
3) Dr. Peter Ohnesorge, Zeitschrift Umwelt-Medizin-Gesellschaft (UMG), Ausgabe 4-2017, S. 16
4) Dr. Ortwin Zais, Zeitschrift Umwelt-Medizin-Gesellschaft (UMG), Ausgabe 4-2017, S. 15
5) Dr. Eckart Schnakenberg, Zeitschrift Umwelt-Medizin-Gesellschaft (UMG), Ausgabe 4-2017, S. 18
6) Dr. Wolfgang Baur, Zeitschrift Umwelt-Medizin-Gesellschaft (UMG), Ausgabe 4-2017, S. 11

Links

Deutscher Berufsverband Klinischer Umweltmediziner
European Academy for Environmental Medicine
Interdisziplinäre Gesellschaft für Umweltmedizin
Ökologischer Ärztebund
Deutsche Gesellschaft für Umwelt- und Humantoxikologie
Erläuterung "Evidenzbasierte Medizin"
Baubiologie Regional / Glossar / Umweltmedizin
Hirnmechanismen der abnormen Ermüdung bei MS-Patienten aufgeklärt