Baubiologie und Oekologie

Gesundes Bauen und Wohnen

Bayreuth, 24.08.2019

 

Noch zu viele Schadstoffe in den Teppichen

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Noch zu viele Schadstoffe in den Teppichen
12.07.2019 - Die Menschen lieben ihre Teppiche. 1,8 Millionen Tonnen werden Jahr für Jahr in Europa verkauft. Hier liegt auch der zweitgrößte Teppichmarkt neben den USA. Als Marktführer rangiert zur Zeit die Firma Tarkett in Frankreich, gefolgt von der Balta Gruppe aus Belgien. Die Herstellung eines Teppichs erfolgt in mehreren Produktionsschritten. Bei jedem der Arbeitsabschnitte kommt eine große Palette von Chemikalien zum Einsatz. Die darin enthaltenen Giftstoffe gasen später in die Raumluft aus oder werden von den Bewohnern als Staubpartikel eingeatmet. Giftige Chemikalien sind auch das Haupthindernis für eine umweltverträgliche Entsorgung. 1,6 Millionen Tonnen wandern deshalb jährlich in der Müllverbrennungsanlage.

Anthesis Consulting Group untersuchte Inhaltsstoffe und Kreislaufwirtschaft

Einen Grund zum Innehalten und Nachdenken liefert die Studie der Anthesis Consulting Group (USA) aus dem Jahre 2018. Die Autoren untersuchen auf 110 Seiten die Auswirkungen chemischer Zusatzstoffe bei der Teppichherstellung bezüglich Gesundheit der Bewohner und hinsichtlich Wiederverwertung im Sinne einer Kreislaufwirtschaft. Anhand von intensiven Recherchen stellten die Autoren fest, dass von 59 giftigen Inhaltsstoffen im Teppichmaterial 37 Substanzen weder verboten noch eingeschränkt sind. Die Horrorliste enthält unter anderen Weichmacher, Flammschutzmittel, Schwermetalle, Biozide, PAK und verschiedene leichtflüchtige Stoffe (VOC). Besonders Kinder seien gefährdet, so die Studie, denn sie spielen oft auf den Teppich und nehmen flüchtigen Chemikalien über die Haut oder die Atemwege auf.

Nicht alle giftigen Substanzen sind im europäischen Chemikalienrecht enthalten

Bestimmte Substanzen sind im europäische Chemikalienrecht (REACH) verboten, eingeschränkt oder mindestens identifiziert. Die Bewertung der Stoffe unterlegt den nationalen Gremien. In einem gemeinsamen Aktionsplan zur Stoffbewertung (Community Rolling Action Plan, CoRAP) legen die Europäische Chemikalienagentur (ECHA) und die EU-Mitgliedstaaten jährlich zu Frühjahrsbeginn fest, welche Stoffe die Behörden der Mitgliedstaaten in den nächsten drei Jahren bewerten sollen. Mit der Veröffentlichung des CoRAP erhalten die registrierungspflichtigen Unternehmen die Gelegenheit, mit den Bewertungsbehörden in Dialog zu treten und den Besorgnisgründen nachzugehen, z.B. durch ergänzende Studien oder Maßnahmen zur Minimierung der Umweltemissionen. Die Anthesis Gruppe stellte fest, dass zwölf der in ihrem Bericht genannten Stoffe in der CLP-Liste (Classification, Labelling and Packaging) nicht enthalten sind, darunter aromatische Amine, welche als möglicherweise krebserregend oder erbgutschädigend eingestuft sind. Zehn Stoffe werden zwar als potentiell bedenklich eingestuft; es sind jedoch keine weiteren behördlichen Maßnahmen geplant. Besonders kurios: Blei und DINP-Weichmacher sind in Kinderspielsachen verboten, als Teppichinhaltsstoffe aber zugelassen.

Unterschiedliche Qualität der Umweltsiegel

Der Anthesis-Bericht untersucht auch die Qualität von Umweltlabels. Gute Noten erhält der "Blaue Engel". Das deutsche Label verbietet 51 von 59 Substanzen oder schränkt sie ein. Dieser Bewertung am nächsten kommt "der Nordische Schwan", ein Umweltlabel der nordischen Länder mit Sitz in Stockholm. Es beschränkt zum Beispiel die Verwendung von Isocyanaten in Teppichen, während es bei den Flammschutzmitteln nur die halogenierten einschränkt. Am ungünstigsten stuft Anthesis das von der Industrie eingeführte GUT-Siegel ein. Dieses Label verbietet nur 13 der 59 riskanten Chemikalien. Keines der untersuchten Labels hingegen schränkt die Gruppe der aromatischen Amine ein, die im Anthesis-Bericht als Abbauprodukte von Azofarbstoffen und bedenkliche Chemikalien identifiziert wurden.

Die Macht der Verbraucher nutzen

Die Verbraucher haben die Möglichkeit, die regulatorischen Maßnahmen zu unterstützen und zu beschleunigen. Die Nachfrage nach umwelt- und gesundheitsverträglichen Teppichen würde die Einzelhändler und Hersteller stärker unter Druck setzen und für umweltfreundlichere Produkte sorgen. Wer beim Kauf von Bodenbelägen auf die oben genannten Umweltsiegel "Blauer Engel" und "Nordic Swan" achtet, hat schon die gröbsten Fehler vermieden. Produkte ohne Siegel sollten eine Volldeklaration der Inhaltsstoffe vorweisen können. Mit Hilfe der SVHC-Liste (Substances of Very High Concern) lassen sich die besonders besorgniserregenden Stoffe bewerten. Dieses eher mühsame Verfahren erfordert vom Verbraucher allerdings eine Portion Willenskraft.

Schadstoffe lassen sich im Hausstaub messen

Bestimmte Inhaltshaltstoffe in Teppichen können akute Krankheitssymptome auslösen. So stehen Biozide im Verdacht, die Augen oder die Haut zu reizen. Silber kann ebenfalls Hautreizungen verursachen. Schwermetalle reichern sich zudem auf lange Sicht in Leber und Niere an. Zumindest in den ersten Wochen nach Einbringen des Teppichs sind leichtflüchtige Stoffe wirksam. Styrol, Butadien oder Toluol sind einige der giftigsten Vertreter. Bei akuten Gesundheitsproblemen oder aus Gründen der Vorsorge empfehlen Baubiologen die Analyse des Hausstaubs. Im Gegensatz zur Raumluftmessung ist diese Form der Untersuchung kostengünstiger und ohne spezielle Ausrüstung zu meistern.

Links

Anthesis-Group - Toxics in Carpets in the European Union
umweltbundesamt.de/stoffbewertungen
de.wikipedia.org/wiki/SVHC







 


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