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Bayreuth, 27.07.2017

 

Lobbyverband will auch Fußgänger im Straßenverkehr digitalisieren

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Lobbyverband will auch Fußgänger im Straßenverkehr digitalisieren
31.10.2016 - Die Teilnehmer der Talkrunde am Sonntagabend (30.10./siehe ARD-Mediathek) bei Anne Will sprachen darüber, wie sich die Digitalisierung auf den Arbeitsmarkt der Zukunft auswirken könnte. Schafft sie Arbeitsplätze oder vernichtet sie Stellen im Millionenbereich? Ein Vertreter des Industrieverbandes Bitkom sieht die Zukunft rosig. Bernhard Rohleder betrachtet die Digitalisierung als Jobmaschine. Speziell begeistert er sich für das autonome Fahren. Es wird weniger Unfälle geben, auch die Fußgänger sollen besser geschützt werden. Auf die Frage, wie das gehen solle, kennt der Geschäftsführer von Bitkom eine Lösung. "Fußgänger werden mit Sensoren ausgerüstet, dadurch kommunizieren sie mit dem Fahrer des Autos." Diese Aussage von Rohleder passt perfekt in die Fantasiewelt der deutschen Industrielandschaft. Es lohnt, die Ziele und Visionen von bitkom.org einmal näher zu betrachten.

Digitalisierung schafft die heile Welt für den Bürger

"Selbstfahrende Fahrzeuge können Staus vermeiden helfen, Ressourcen schonen und die Zahl der Unfalltoten deutlich reduzieren. Sie werden dadurch die individuelle wie auch die gewerbliche Mobilität revolutionieren. Im Straßenverkehr der Zukunft bewegen sich Autos beinahe lautlos und abgasfrei durch die Straßen, wie an einer unsichtbaren Schnur entlang. Keines fährt zu schnell oder zu langsam. Alles ist harmonisch aufeinander abgestimmt. Der Wagen erkennt selbständig mögliche Gefahren. Die Gesundheit von Fußgängern und Insassen ist nicht mehr von der Tagesform oder dem aktuellen Zustand des Fahrers abhängig, usw." Gemäß einer Bitkom-Umfrage würden sich immerhin sieben Prozent der Deutschen der Technik blind anvertrauen.

Immense Kosten und hoher Energieverbrauch

Wer soll die Umsetzung der Visionen bezahlen? Der Investitionsaufwand für die Ausstattung von Verkehrswegen mit Mobilfunksendern, Kameras, Sensoren und Computersystemen scheint gigantisch. Ein dichtes elektronisches Netz würde sich über die Städte, die Autobahnen und Landstraßen legen. Jeder einzelne Sensor, jede Basisstation, jeder Computer im Netz frisst den kostbaren Strom, den die Gesellschaft mit regenerativen Systemen aufwändig erzeugen und transportieren muss. Wo bleibt der wirtschaftliche Nutzen für den Standort Deutschland? Würden andere ärmere europäische Staaten die deutsche Technik kaufen? Sind die übertechnisierten Autos überhaupt bezahlbar? Sprechen wir tatsächlich von intelligenten Systemen oder von einer Horrorvision? Hat der Mensch nicht bereits von Geburt an alle Sensoren und Steuerungssysteme kostenlos von der Natur erhalten?

Sprechende Waschmaschinen und intelligente Mülleimer

Der Gedanke von der Smart City basiert auf der Idee von Smart Home, nur in einem größeren Maßstab. Alle Dinge sind miteinander vernetzt, der Kühlschrank und Waschmaschine in der Wohnung, die Infrastruktur draußen vor der Tür. Alles mit dem vordergründigen Ziel, den Alltag zu erleichtern und Ressourcen zu schonen. Die wahren Ziele der Industrie sind leicht zu durchschauen: Umsätze generieren, Marktanteile sichern, die andern Ländern abhängen. Das funktioniert nur, wenn der Bürger und der Gesetzgeber mitmachen. Deshalb auch die gebetsmühlenartige Wiederholung der Vision von der fehlerfreien vernetzten Welt. Sogar der Mülleimer entkommt dem smarten Konzept der Bitkom nicht. Ein Sensor mit WLAN-Funktion meldet an die Leitstelle, wenn die Tonne voll ist.

Regulierung stört den Datenfluss

"Eine moderne Datenpolitik muss das überkommene Prinzip der Datensparsamkeit, so wenige Daten wie möglich zu sammeln, umkehren. Sie muss dafür sorgen, dass vorhandene Daten auch genutzt werden können: zur Verkehrslenkung, zur Steuerung unseres Energieverbrauchs, zur Überwachung von Körperfunktionen oder für individualisierte Krebstherapien", so liest es der Besucher auf bitkom.org. Deutschland dürfe sich dem Zukunftsfeld der Digitalisierung durch eine überhastete Regulierung nicht verschließen. Martin Schulz, als EU-Ratspräsident, mahnt zur Vorsicht: "In der digitalen Welt muss es möglich bleiben, dass nicht jeder alles mitmacht, auch wenn die große Mehrheit das anders handhabt." Schulz plädiert für eine Charta der digitalen Grundrechte nach dem Motto "Freiheit, Gleichheit, Datenschutz".

Links

Sendung Anne Will "Schöne neue Arbeitswelt" vom 31.10.16
Webseite von Bitkom.org
EU-Parlamentspräsident warnt vor technologischem Totalitarismus
Artikel aus UMG "Neue Technologien, neue Risiken"