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Bayreuth, 24.11.2017

 

Gesundheitliche Beschwerden durch eine neue Mobilfunk-Signalisierungsform ?

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04.05.2007 - Im bayerischen Passionsspielort Oberammergau hatten sich ab August 2006 Beschwerden über plötzlich aufgetretene gesundheitliche Symptome – wie extreme Schlafstörungen, Kopfschmerzen, Herzrasen, Bluthochdruck und viele weitere – rapide gemehrt.

Der in Oberammergau ansässige Dipl.-Ing. (FH) Werner Funk registrierte anhand akustischer Analyse mit einem Breitbandempfänger an der Mobilfunk-Basisstation von T-Mobile eine zusätzliche WLAN-ähnliche Modulationsfrequenz von ca. 10 Hz. Die Vermutung, dass der neue ‚Handy-Komfort’ GPRS-EDGE (schnellere Datenübertragung / Internetzugang durch Bündelung von bis zu 8 Verkehrskanälen) in Betrieb gegangen ist, bestätigte eine Nachfrage beim T-Mobile Kundenservice.“

Gleichzeitig konstatierte er nach eigenen Messungen: „Gegenüber bereits früher durchgeführten Messungen wurde keine Erhöhung der Strahlungsflussdichte festgestellt“.

Die plötzlich aufgetretenen Beschwerden wurden somit in Zusammenhang gebracht mit der neuen GSM-Variante EDGE, die der Netzbetreiber T-Mobile gerade in Bayern einführte. Seither steht die Aufrüstung der GSM-Basisstationen auf EDGE im Verdacht, die Ursache für die gesundheitlichen Beschwerden in der Bevölkerung zu sein, und von betroffener Seite wird dementsprechend der Stopp des EDGE-Ausbaus gefordert bzw. der Rückbau.

Am 26.12.2006 führten der Umweltmediziner des Landes Salzburg, Dr. Gerd Oberfeld, und der Ingenieur Manfred Haider gemeinsame Messungen in Oberammergau durch, die von Dr. Oberfeld in seinem Gutachten „Mobilfunk: Signalanalyse im Frequenzbereich GSM 900“ vom 15.1.2007 protokolliert wurden. „Ziel der Messungen war es explizit nicht, die Höhe der GSM-Immissionen zu ermitteln, sondern die Ursache für die von W. Funk in beschriebene „zusätzliche WLAN-ähnliche Modulationsfrequenz von 10 Hz“ zu ergründen.

Bei den Messungen mit dem Spektrumanalysator wurde zwar kein 10 Hz-Signal vorgefunden, wohl aber eine Periodizität von 8,3 Hz, die akustisch nur schwer von 10 Hz zu unterscheiden ist. Überraschend war, dass diese Periodizität nicht etwa auf dem Organisationskanal gefunden wurde, sondern auf den lastabhängigen Verkehrskanälen – die „paradoxerweise“ dann besonders deutlich zu erkennen war, wenn kein Verkehr über die Basisstation abgewickelt wurde. Dann sollten nämlich „klassischerweise“ die lastabhängigen Verkehrskanäle eigentlich gar nicht aktiv sein, sondern nur der Organisationskanal.

Dr. Oberfeld stellte darüber hinaus fest, dass bei der Messung eines einzelnen „lastabhängigen“ Verkehrskanals (der nun gar nicht mehr lastabhängig war) das Signal nicht in rein periodischer Folge vorlag, sondern nur unregelmäßig und „unvollständig“. Erst die gemeinsame Messung aller zur Basisstation gehörigen „lastabhängigen“ Verkehrskanäle führte zur lückenlosen periodischen Pulswiedergabe. Dies bedeutet, dass das Pulssignal mittels Frequency Hopping nacheinander auf die einzelnen „lastabhängigen“ Verkehrskanäle verteilt wird. Frequency-Hopping basiert auf dem TDMA-Zeitschlitz-Verfahren, wobei zusätzlich noch von Zeitschlitz zu Zeitschlitz auf eine andere der zugeteilten Frequenzen gewechselt wird.

Die Frequenz von 8,3 Hz passt exakt in die GSM-Rahmenstruktur und entspricht entweder einem belegten Zeitschlitz im 26er Multirahmen für Verkehrskanäle (Länge 120 ms = 1/8,3 Hz) oder zwei äquidistant belegten Zeitschlitzen im 51er Multirahmen für Signalisierungskanäle. Da das betreffende Signal auch nachweisbar war, wenn die Basisstation ohne Nutzlast war, muss es sich um Signalisierungskanäle handeln. Diese werden aber „normalerweise“ auf einem lastabhängigen Verkehrskanal nur dann ausgestrahlt, wenn für diesen Verkehrskanal auch Nutzlast vorliegt.

Die von Dr. Oberfeld und M. Haider festgestellten Untersuchungsergebnisse wurden vom Bayerischen Landesamt für Umwelt (LfU) bei eigenen, vom LfU am 1. Februar 2007 durchgeführten Messungen bestätigt:

„Das vom LfU aufgenommene Signal reproduziert die Daten und Aussagen von Dr. Oberfeld (Salzburg), der dieses Signal bereits zuvor am 26. Dezember 2006 untersuchen konnte. Auch er kommt zu dem Schluss, dass ein Verkehrskanal permanent aktiv sein muss, der das Tackern erzeugt.“ Weiter führt das LfU aus: „Bei diesem Messtermin wurde auch die Zeitabhängigkeit der Verkehrskanäle ... untersucht. Es hat sich gezeigt, dass eine Periodizität von 8 1/3 Hz vorhanden ist. (Hervorhebung durch den Autor) Sie kann aus messtechnischen Gründen nur dann beobachtet werden, wenn kein anderweitiger Verkehr (Gespräche und insbesondere Daten) über die Verkehrskanäle abgewickelt wird.

Diese Situation scheint zwar ungewöhnlich, da Gesprächskanäle meist vollständig abgeschaltet sind, solange keine Gespräche oder Daten übertragen werden, aber keineswegs ausgeschlossen, da der GSMStandard eine derartige Konfiguration durchaus erlaubt und ermöglicht. Das niederfrequente Signal wird zwar nicht von EDGE selbst erzeugt, tritt aber wohl (nach Angabe der Oberammergauer Bürger) seit der Umrüstung der T-Mobile-Station auf. Vermutlich wurde bei dieser Umstellung auch die GPRS-Konfiguration neu festgelegt.

GPRS kennt (wie GSM zuvor auch schon) einen ‚Timing Advance’, der den Abstand zwischen Basisstation und Mobilgerät bestimmen kann. Das Tackern resultiert daher, dass dieser Kontrollkanal als ‚Continuous Packet Timing Advance Channel’ mit eben 8 1/3 Hz kontinuierlich gesendet wird.“

Dass die niederfrequente Pulsung mit 8 1/3 Hz nicht vom EDGE-Betrieb herrührt, bestätigte ein Test: „Auf Bitten des LfU schaltete T-Mobile am 18. Dezember 2006 die EDGE-Funktion kurzzeitig ab. Das Tackern war – wie zu erwarten – weiterhin wahrzunehmen. Per Mikrofon und Soundkarte wurde das Audiosignal eines‚Elektrosmog-Spions’ aufgezeichnet und die ‚Tackerfrequenz’ zu 8 1/3 Hz bestimmt.“

In weiteren Untersuchungen hat das LfU die Immissionen im Umfeld der betreffenden T-Mobile-Basisstation gemessen und dabei „eine in der Umgebung von Mobilfunkbasisstationen typische Feldsituation vorgefunden“.

Damit ist es äußerst unwahrscheinlich, dass die Höhe der Immissionen als primäre Ursache für die gesundheitlichen Beschwerden der Oberammergauer Bürger anzusehen ist. Vielmehr wird durch die Untersuchungsergebnisse die These gestützt, dass die Signalcharakteristik – hier die periodische Pulsung mit 8,3 Hz – einen wesentlichen Einflussfaktor darstellt. Diese Pulsung ist aber unabhängig von EDGE.

Für den Fall GPRS bedeutet dies:

• entweder auf die Verwendung des PTCCH-Signalisierungskanals ganz zu verzichten und das Timing Advance (TA) weiterhin mit einem zugeordneten Kontrollkanal (SACCH) abzuwickeln. Dann wird die TA-Information nur so lange gesendet, wie sie auch gebraucht wird, nämlich während der Dauer der Verbindung;

• oder aber, wenn der PTCCH-Signalisierungskanal doch verwendet wird, ihn über den Organisationskanal abzuwickeln und nicht über die lastabhängigen Verkehrskanäle. Dann wird der für die TA-Information zuständige Signalisierungskanal zwar ständig ausgesendet, aber er führt zu keiner Veränderung auf der physikalischen Ebene, da er die Zeitschlitze des ohnehin ständig aktiven Organisationskanals mitnutzt.

Diese Forderung wurde von Dr. Oberfeld in seinem Gutachten sinngemäß postuliert.

Nach Information von Dr. Virnich, VDB, (17.11.07) hat der Betreiber die Sendetechnik inzwischen umgestellt: Das Timing-Advance-Signal läuft jetzt wieder auf dem Organisationskanal. Die 8 1/3 Hz Taktung sollte daher nicht mehr auftreten.

Joachim Weise

Quellenverzeichnis:
1) Dr. Virnich, EDGE-Eine neue Variante des GSM-Mobilfunk; www.baubiologie.net/docs/elektrosmog-EDGE-Signalcharakteristik.pdf
2) Gespräch mit betroffenen Bürgern aus Oberammergau