Baubiologie und Oekologie

Gesundes Bauen und Wohnen

Bayreuth, 18.11.2017

 

Finger weg vom Schimmel-Schnelltest

Share on Facebook Share on Twitter Share on Google+
Finger weg vom Schimmel-Schnelltest
30.10.2017 - Angebote von Schimmel-Schnelltests erleben im Internet Hochkonjunktur. Beinahe verständlich, könnte man sagen. Denn wen würde es nicht reizen, eine Laborauswertung für fünfzig Euro zu erhalten? Der Kunde muss sich aber fragen lassen, welche Rückschlüsse sich aus den Ergebnissen ziehen lassen. Wie lässt sich ein Gesundheitsrisiko anhand der einfachen Lösung wirklich abschätzen? Letztlich bleibt bei der Billiglösung auch die Antwort auf die Frage nach den Schimmelursachen gänzlich offen.

Was macht eine fachgerechte Schimmeluntersuchung aus?

Es soll gleich voraus geschickt werden. Eine professionelle Raumluftuntersuchung auf Schimmelbefall lässt sich nicht unter 500 Euro bewerkstelligen. Zu den Kostenbestandteilen zählen neben dem Zeitaufwand für die Probenahme die Laborauswertung und der abschließende Untersuchungsbericht. Die quantitative Auswertung des Befundes verlangt ein definiertes Probenahmevolumen mit einem kalibrierten Messgerät. Bei der Luftkeimsammlung kommen drei Pilznährmedien zur Anwendung: Malzextrakt-Agar und DG18-Agar werden parallel verwendet, um ein breiteres Schimmelpilzspektrum zu erfassen. CASO-Nähragar dient zur optimalen Anzüchtung von Bakterien. Zur Absicherung der Ergebnisse sind zwei Parallelproben je Nährboden sinnvoll. Somit kommen an einem Messplatz drei mal zwei Durchgänge zu Ausführung. Im Normalfall werden von der Pumpe 100 Liter Luft angesaugt und über den Nährboden geleitet. Zusätzlich zur Innenraumprobe erfasst der Sachverständige die Außenluft. Die Gegenüberstellung zwischen Innen- und Außenluft zeigt bei der späteren Analyse auf, welche Pilzgattung nur im Innenraum vorkommt. Im Labor werden die Nährböden mindestens zehn Tage lang bebrütet. Nach dem Heranwachsen der Schimmelpilze lassen sich die jeweiligen Gattungen, Arten und die Anzahl der koloniebildenden Einheiten (KBE) bestimmen. Die Partikelsammlung zur Gesamtsporenbestimmung auf dem Objektträger liefert eine Kontrollaussage für nicht keimfähige Sporen. Der Objektträger ist beschichtet und zieht die Partikel aus der Raumluft an. Im Labor werden die Streifen angefärbt und mikroskopiert. Es lässt sich eine Bestimmung nach Gattungen und Anzahl der Sporen vornehmen.

Gutachter vor Ort untersucht die Ursachen für Schimmelbefall

Bei der Probennahme vor Ort sieht der Gutachter auf einen Blick, in welchem Maße sich der Schimmel ausgebreitet hat. Der Koffer mit Messgeräten darf nicht fehlen. Raumlufttemperatur und relative Luftfeuchte lassen sich praktisch mit dem Datenlogger dokumentieren oder per Niederschrift festhalten. Verschiedene Messgeräte zur Ermittlung der Wandfeuchte kommen ebenfalls zum Einsatz. Mit der Wärmebildkamera stellt der Sachverständige thermische Schwachstellen in der Wand fest und dokumentiert diese sofort. Zur Vorbereitung der Untersuchungen steht eine Gebäudeanamnese an. Im Gespräch mit dem Betroffenen erfährt der Fachmann, wie sich der Schadensfall im Zeitverlauf entwickelt hat.

Bei der Billiglösung erhält der Kunde eine Petrischale zugeschickt

Von den im Internet kursierenden Varianten von Schimmel-Schnelltests sollen zwei Angebote näher beschrieben werden. Bei der sogenannten "Selbstanalyse" erhält der Kunden ein Paket mit mehreren Nährböden in Form von Malzextrakt-Agar und die entsprechende Anzahl von Klarsichtbeuteln. Der Anwender erfährt per Beschreibung, dass die Schalen zwei Stunden lang an Plätzen seiner Wahl im Haus aufzustellen sind. Anschließend werden die Nährböden im Beutel verstaut und beobachtet. Nach zehn Tagen erfolgt die Bestandsaufnahme. Anhand einer mitgelieferten Checkliste zählt der Betroffene die Anzahl der "Kolonien" und bewertet danach, ob der Befund auffällig oder unauffällig ist. Die Leistung des Verkäufers besteht bei genauer Betrachtung im Versand von Nährböden, die beim Hersteller 1,50 Euro je Stück kosten würden. Bei der zweiten Variante von Schimmel-Schnelltests erhält der Betroffene immerhin das Angebot einer Laboranalyse für einen Nährboden. "Einmal ist keinmal …" könnte der Leser nun behaupten, wenn er die Ausführungen über eine professionelle Schimmelprobennahme verinnerlicht hat.

Die Schwächen des Sedimentationsverfahrens

Die oben beschriebenen Schimmel-Schnelltestangebote basieren auf dem Sedimentationsverfahren. Eine offene Petrischale wird eine Stunde lang im Raum ausgelegt. Fachleute sprechen in diesem Zusammenhang auch vom "Open-Petri-Dish" Verfahren (OPD). Schimmelsporen und Schimmelpilzbestandteile setzen sich aus der Luft auf den Nährmedien ab. Die Geschwindigkeit der Ablagerung (Sedimentation) hängt in erster Linie von deren Größe und dem Gewicht der Sporen ab. Kleinere Sporen schweben länger in der Luft und setzen sich nur langsam ab. Daher sind die ermittelten Werte für Schimmelpilze mit kleinen Sporen bei diesem Verfahren nicht genügend aussagekräftig. Schimmelpilzarten wie Penicillium und Aspergillus können beim OPD-Verfahren möglicherweise übersehen werden. Im Umkehrschluss gilt folgendes: sind die genannten Schimmelarten dennoch auf dem Nährboden gewachsen, dann kann der Auftraggeber von einem massiven Befund ausgehen.

Einige Schimmelpilzarten wachsen auf Nährböden nur sehr langsam oder gar nicht

Ein Schimmelpilz, der häufig nach Wasserschäden zu finden ist und auf Tapeten oder Gipsbauplatten wächst, wird bei der Verwendung von Nährböden gar nicht erfasst. Der Stachybotrys chartarum lässt sich aber mit Hilfe der Partikelsammlung auf einem beschichteten Objekträger nachweisen. Dazu werden zweihundert Liter Luft mit einer Probennahmepumpe über das Medium geleitet und anschließend im Labor mikroskopiert. Wiederum andere Pilzgattungen wachsen auf dem Nährboden Malzextrakt-Agar nur sehr langsam und können daher von anderen Pilzen überwuchert werden. Der Sachverständige arbeitet daher mit mindestens zwei verschiedenen Nährböden und zusätzlich einer Partikelsammlung, um Zufallsergebnisse auszuschließen.

Zusammenfassung

Ein Zitat des Landesgesundheitsamts Baden-Württemberg fasst die Sachlage treffend zusammen: "Das (Sedimentations-)Verfahren liefert keine quantitativen und reproduzierbaren Ergebnisse. Ein solcher Test kann deshalb lediglich ein erster, sehr grober Anhaltspunkt sein, der eine methodische Vorgehensweise vor Ort nicht ersetzen kann und deshalb überwiegend entbehrlich ist. Darüber hinaus wird der Verbraucher durch die Ergebnisse meist nur verunsichert."

Links

Schimmelpilzleitfaden Umweltbundesamt
Landesgesundheitsamt Stuttgart - Schimmelpilze in Innenräumen
Gutachter für Schimmelpilzschäden im Firmenverzeichnis