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Bayreuth, 26.09.2017

 

Darum enttäuscht Thank you for Calling alte Mobilfunkhasen

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Darum enttäuscht Thank you for Calling alte Mobilfunkhasen
30.11.2016 - Das Netzwerk Risiko Mobilfunk Oberfranken hat sich finanziell ins Zeug gelegt, um den Film "Thank you for Calling" nach Nordbayern zu holen. Der Produzent, Regisseur und Autor wurde gleich mit verpflichtet. Journalist Klaus Scheidsteger vereint alle Aufgaben in einer Person und übernimmt im Film sogar noch eine der Hauptrollen. Er stand zu Beginn und zu Ende zusammen mit Marianne Günther von der Mobilfunkinitiative auf der Bühne im Hofer Centralkino. Warum der Film die hoch gesetzten Erwartungen der Mobilfunkkritiker nicht in allen Teilen erfüllen konnte, lässt sich an einigen Beispielen aufzeigen.

Kurzer Abriss des Inhalts

Im Mittelpunkt der Geschichte steht Dr. George Carlo aus Washington. Der Wissenschaftler war Ende der neunziger Jahre von der Mobilfunkindustrie beauftragt worden, eine Studie durchzuführen, welche die Ungefährlichkeit der Mobilfunkstrahlung aufzeigen sollte. Während der Forschungsarbeit entdeckte Carlo besorgniserregende Effekte im Zusammenhang mit Mobilfunkbefeldung. Seine Auftraggeber erkannten die Kehrtwendung des Forschungsleiters und verhinderten daraufhin die Veröffentlichung der Ergebnisse. George Carlo fühlte sich in der Folge im Kreuzfeuer der Industrie. Seiner Vermutung nach wurde sogar sein Wohnhaus absichtlich in Brand gesteckt. Carlo berät seit einigen Jahren eine Anwaltskanzlei in Washington, die Menschen unterstützt, Schadensersatzklagen gegen die Mobilfunkindustrie zu führen. Scheidsteger stellt im Film zwei Betroffene vor, die an einem Gehirntumor erkrankten. Der Tumor befindet sich jeweils auf der Seite des Kopfes, an welcher das Mobiltelefon gehalten wurde. Das höchste Gericht in den USA, der Supreme Court, führte inzwischen alle Einzelfälle zu einer Sammelklage zusammen. Zur Unterstützung der These, dass Mobilfunkwellen die Tumore ausgelöst haben könnten, organisierte Carlo eine Anhörung von internationalen Experten. Regisseur Scheidsteger stellte diese Wissenschaftler vor und zeigt beispielhaft auf, mit welchen Mitteln sich die Mobilfunkindustrie gegen die Klagewelle in Stellung bringt.

Wiederholung des Inhalts von "Handykrieg"

Für alte Hasen in der Mobilfunkszene bringt der aktuelle Film von Klaus Scheidsteger wenig neue Erkenntnisse. Die meisten Akteure sind bekannt vom "Handykrieg" aus dem Jahr 2005. Auch vor elf Jahren stand Dr. Carlo im Mittelpunkt. Einige Szenen des Handykriegs wurden sogar im Original übernommen. Die Spannung bezieht die Geschichte letztlich aus der Neugierde auf die Fortsetzung der gerichtlichen Auseinandersetzung um die Entschädigungszahlungen. Schon immer wollten die Besucher des "Handykriegs" wissen, wie es wohl mit Dr. Carlo weiter gegangen sein könnte.
Aus heutiger Sicht (Ende 2016) ist das Happy-End für Carlo und die Geschädigten leider in weite Ferne gerückt. Nachdem es im Jahr 2014 nach einem Erfolg für die Opfer ausgesehen hatte, ist der Prozess nun wieder in die Sackgasse geraten. Den aktuellsten Stand erfahren die Zuschauer in Hof nicht im Film, sondern vom Regisseur persönlich im anschließenden Filmgespräch: "Die Anwälte der Mobilfunkindustrie haben es geschafft, den Prozess vom Zivilrecht in das Strafrecht umzulenken", berichtet Scheidsteger. "Damit müssen alle Beweisverfahren noch einmal von vorne beginnen und der Klageführer muss den Ursache-Wirkungs-Zusammenhang eindeutig beweisen". Die permanente zeitliche Prozessverschleppung haben die im Film vorgestellten Tumorpatienten nicht überlebt.

Achtzig Prozent der Dialoge in Englisch

"Thank you for calling" baut in seiner Darstellungsform auf das Interview. In der Regel führt Scheidsteger die Befragungen selbst durch. Fast alle Dialoge laufen in Englisch mit deutschen Untertiteln ab. Mit der Zeit wird die Betrachtung etwas ermüdend. Viele Akteure wie Prof. Adlkofer, Dr. Mosgöller und Dr. Kundi sind dem fachkundigen Publikum bekannt und die sachlichen Inhalte bieten wenig neue Erkenntnisse. Die heftigen Schnitte und der akustische Donnerhall vor jedem Szenenwechsel reißen den Besucher aus dem Halbschlaf.

Der Autor äußert sich nicht zu anderen brisanten Mobilfunkthemen

Das anschließende Filmgespräch enttäuscht in weiten Teilen. Wohl kennt der Autor die Zusammenhänge um den Gerichtsprozess in Washington sehr gut. Das Publikum ist auch dankbar, den aktuellen Stand der Verhandlung zu erfahren. Enttäuscht sind die Leute, die Antworten auf andere wichtige Themen der Mobilfunkdiskussion erwartet hatten, wie zum Beispiel:
Auf welche wissenschaftlichen Studien kann man sich verlassen? Wie gefährlich sind die Funkwellen von Sendemasten? Was weiß man über die Gefahren von WLAN und Schnurlostelefonen? Wie können Bürger Senderstandorte verhindern?
Auf eine Diskussion zu den oben genannten Fragen wollte sich Scheidsteger nicht einlassen. Er verwies auf die zahlreichen Quellen im Internet, vor allem auf die Veröffentlichungen von Diagnose Funk und der Kompetenzinitiative. Dankbar griffen daher viele Filmbesucher auf das Informationsmaterial von Netzwerk Risiko Mobilfunk Oberfranken zu, welches im Eingangsbereich des Kinosaales ausgelegt war.

Wie Industrieverbände Studienergebnisse klein reden

Gut die Hälfte der hundert Besucher im Hofer Centralkino kam bisher mit der Mobilfunkthematik wenig in Berührung. Für sie mag es erkenntnisreich gewesen sein, mit welchen Methoden kritische Mobilfunkstudien klein geredet werden. Regisseur Scheidsteger spricht sogar von einer ausgewachsenen "Kriegsspielanweisung" (War Game Memo), die eine Beratungsagentur in den USA für die Mobilfunkindustrie ausgearbeitet hatte.
Die einzelnen Schritte laufen folgendermaßen ab:
a) Die Qualität der Studie wird angezweifelt, um die Wissenschaftler als unglaubwürdig hinzustellen
b) Die Studie muss reproduzierbar sein, auch wenn dies bei bestimmten Tierstudien oder bei epidemiologischen Studien kaum möglich ist
c) Die Industrie will die Studienergebnisse selbst steuern und finanziert daher die Vorhaben ganz oder teilweise
d) Das Gesundheitsrisiko wird generell abgestritten und der Verbraucher über die Medien beruhigt (verharmlosen, verniedlichen)

Wenn diese "Kriegsspielanweisung" beim Kinobesucher angekommen ist, dann hat der Film von Klaus Scheidsteger in den Augen der Mobilfunkkritiker sein Ziel erreicht.

Links

Filmtrailer auf youtube.com
Bund Naturschutz Filmvorstellung
Mobilfunkstudien
Webseite von Netzwerk Risiko Mobilfunk Oberfranken

Bildquelle: aus Filmtrailer auf youtube.com