Baubiologie und Oekologie

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Bayreuth, 23.11.2017

 

Bericht vom 3. Mobilfunksymposium am 12.6.04 in Mainz

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Bericht vom 3. Mobilfunksymposium am 12.6.04 in Mainz
14.06.2004 - Der Arbeitskreis Elektrosmog des BUND hatte ein hochkarätig besetztes Mobilfunksymposium organisiert. Sechs Wissenschaftler, zwei Baubiologen, ein Vertreter der Versicherungswirtschaft und der Umweltbeauftragte des Bistums Mainz gaben den über hundert Zuhörern einen Überblick über den aktuellen Stand der Forschung, der Genehmigungspraxis von Anlagen, der Risikoeinschätzung und der individuellen Schutzmöglichkeiten.

Die Stimmung pendelte des öfteren zwischen Frustration und Hoffnungsschimmer hin und her. Auf viele individuelle Fragen aus dem Publikum konnte von den Fachleuten keine befriedigenden Antworten gegeben werden.

Was sind die Ursachen für dieses Unbehagen ?

· Die Mobilfunkkritiker sind in der Minderheit. Die Ausstattungsrate mit Handies beträgt bei Jugendlichen zwischen 16 und 20 Jahren bereits 95%, bei unter 14-jährigen immerhin 50%.

· Die politische Meinung ist zementiert: Das Umweltministerium beruft sich lt. Auskunft vom 19.3.04 immer noch auf die geltenden Grenzwerte der 26.BISchV. Diese beruft sich bekanntlich nur auf thermische Wirkungen, die nicht thermischen Effekte nachwievor nicht anerkannt.

· 80 % der Forschung auf dem Gebiet der elektromagnetischen Felder (EMF) wird weltweit von der Industrie und der Betreiberseite kontrolliert. Kritische Wissenschaftler werden diffamiert und letztendlich aus ihren Anstellungen geboxt.

· Teuere Studien, die schliesslich mit Steuergeldern finanziert wurden, bleiben in der Schublade, wenn nicht die „gewünschten„ Resultate erzielt werden. Die Reflexstudie hat immerhin über 3 Mio Euro gekostet. Jetzt bleibt fraglich, ob sie weitergeführt werden kann.

· Die Mobilfunkbetreiber nutzen mit grossem Geldaufwand alle Kommunikationskanäle, um die gesundheitlichen Risiken permanent zu verharmlosen und die Informationsmittler, insbesondere Journalisten und Lehrer, systematisch mit unvollständigen Informationen zu versorgen.

· Das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) hat zwar auf seiner Webseite kritische Anmerkungen zur Mobilfunkproblematik verfasst, betreibt aber ansonsten keinen grossen Aufwand, die Bevölkerung aufzuklären.

· Den Mobilfunkgeschädigten fehlt eine instutionalisierte Lobby, wie es z.B. die Berufsgenossenschaften für die Arbeitnehmer sein könnten. Bürgerinitiativen und Verbraucherverbände versuchen diese Lücke zu schliessen. Ein Gegengewicht zu der massiven Pressearbeit der Betreiberseite ist aus finanziellen Möglichkeiten nicht vorhanden.

· Ärzte sind aufgrund der diffusen und multikausalen Krankheitsbilder verunsichert bzw. ndererseits nicht ausreichend über das Thema EMF informiert.

· Die baubiologischen Abschirmmöglichkeit sind begrenzt, wenn die Immissionen sehr stark sind bzw. die Strahlungsquelle sogar im eigenen Haus liegt (DECT-Telefone, WLAN-Anwendungen).


Was macht Hoffnung ?

Ein Blick auf die europäischen Nachbarn und auf das EU-Parlament als zentralen Gesetzgeber lässt etwas Optimismus in der tristen Lage der deutschen Mobilfunkgeschädigten aufkommen.

Im Gegensatz zu Deutschland hat Schweden ein über dreissig Jahre lang bestehendes Krebsregister. Dies ist unbedingt notwendig, wenn Aussagen zu Veränderungen der Krebsrate aufgrund von EMF möglich werden sollen. In Spanien wurden Mobilfunksendeanlagen neben einer Schule in Sevilla verboten, da sich eine gehäufte Leukämierate bei Kindern ergeben hat. In Frankreich hat Prof. Santini am 3.12.2001 eine der wenigen epidemiologischen Studien zu Mobilfunkbasisstationen mit einer ausreichend grossen Zahl von Probanden vorgelegt.

Eine wichtige gesetzliche Grundlage könnte Artikel 174 des EG-Vertrages, Absatz 2 und 3 sein: „Die Umweltpolitik der Gemeinschaft zielt unter Berücksichtigung der unterschiedlichen Gegebenheiten in den einzelnen Regionen der Gemeinschaft auf ein hohes Schutzniveau ab. Sie beruht auf den Grundsätzen der Vorsorge und Vorbeugung, auf dem Grundsatz, Umweltbeeinträchtigungen mit Vorrang an ihrem Ursprung zu bekämpfen, sowie auf dem Verursacherprinzip". „Bei der Erarbeitung ihrer Umweltpolitik berücksichtigt die Gemeinschaft die verfügbaren wisschenschaftlichen und technischen Daten."


Wie ist der Stand der wissenschaftlichen Forschung ?

Die Wissenschaftler des Mainzer Mobilfunksymposiums bestätigten, dass an verschiedenen Schwerpunkten weitergeforscht wird:

· Epidemiologische Studien (Langzeit, Dosis-Wirkung)
· Klinische Experimente am Menschen
· Tierversuche
· Untersuchung von Zellkulturen
· Metastudien

Die Epidemiologie befasst sich mit der regionalen und zeitlichen Verteilung und Verbreitung von Krankheiten in der Bevölkerung und mit denjenigen Faktoren, die diese Verteilung ursächlich beeinflussen. Epidemiologie umfasst somit sowohl die reine Beschreibung von Krankheitsverteilungen (deskriptive Epidemiologie) als auch gezielte Ursachenforschung, meist im Rahmen von Beobachtungsstudien (analytische Epidemiologie).

Privatdozent Dr. Joachim Schüz von der Mainzer Gutenberg-Universität stellte einige epidemiologische Studien zu Krebsrisiken vor. Ein eindeutiger Hinweis konnte nach seiner Darstellung bisher nicht gefunden werden. Lt. Dr. Schüz kann die Latenzperionde bei Krebs zwischen sieben und zehn Jahren liegen. Zu dieser Zeit gab es die gepulste Hochfrequenz noch nicht. Aktuell in Arbeit ist die Interphone-Studie, deren Abschlussbericht gegen Ende des Jahres 2004 erwartet wird.

Epidemiologie benötigt eine eine unbelastete Kontrollgruppe. Diese ist aufgrund der flächendeckenden Strahlenbelastung praktisch nicht mehr zu finden.

Prof. Dr. Ulrich Warnke, Universität des Saarlandes, wies auf Langzeitstudien hin, die sich mit Krebsfällen in der Umgebung von Radio- und Fernsehsendern beschäftigten:

· Schwedische Studie von Hallberg/Johansson zu Hautkrebs und Hochfrequenz
· Studie zum Schweizer Sender Schwarzenburg (1995) zu von Radio-Kurzwellen ausgelösten Störungen wie Schlafstörungen, Depressionen, Krebs, Diabetes, Müdigkeit, Nervosität, Kopfschmerzen. Die Störungen verringerten sich nach Abschalten des Senders auf ein normales Mass.
· Cherry-Studie (2000): Kausaler Zusammenhang zwischen Tumorfällen und Anzahl der aktiven Sender in Abhängigkeit von der Distanz.
· Radio-Vatikan-Sender-Studie (2001): Kinderleukämie ist um 220% erhöht, ebenfalls Sterblichkeit bei Erwachsenenleukämie in einer 6 km Zone um den Sender.

Eine Studie, die sich aktuell mit klinischen Experimenten am Menschen beschäftigte, ist die niederländische TNO-Studie. Es zeigten sich Befindlichkeitstörungen wie Kopfschmerzen und Übelkeit unter dem Einfluss von UMTS-Bestrahlung.

Die Salford-Studie aus dem Jahre 2003 fällt unter die Rubrik Tierversuche. In diesem Fall wurden Ratten, die dem menschlichen Teenageralter entsprachen, mit GSM-Frequenzen bestrahlt. Nach einer Exposition von zwei Stunden waren dunkle Neuronen im Gehirn sichtbar (Vortrag Dr. Frentzel-Beyme).

Über die Ergebnisse von Zellversuchen konnte Professor Franz X. Adlkofer aktuell berichten. Der erste Teil der REFLEX-Studie wurde Ende Mai 2004 abgeschlossen. Es wurden Veränderungen von menschlichen Zellen nach einer RF-EMF Exposition mittels Doppelblinduntersuchung erforscht. Die Ergebnisse waren nach Aussage Adlkofers für viele Forscher sehr überraschend:

Aus den in vitro Untersuchungen ergibt sich, das RF-EMF (RF=radio frequency) unterhalb der gültigen Grenzwerte fähig sind

1. in bestimmten, aber keineswegs allen lebenden Zellen DNA-Strangbrüche zu erzeugen und die Anzahl der Mikrokerne und Chromosomenveränderungen zu erhöhen.
2. in verschiedenen Zellsystemen die Gen- und Proteinexpression zu modifizieren. Das Ausmass der Zellantwort ist offenbar abhängig vom genetischen Hintergrund.
3. direkten Einfluss auf Proliferation, Differenzierung und Apoptose von Zellen zu nehmen.

Folgende ergänzende Anmerkungen sind zu beachten:

· Es ist noch nicht ausreichend erforscht, ob die gentoxischen Wirkungen auch in vivo nachgewiesen werden können.
· Da ene Fehlregulation der Zellproliferation, der Zelldifferenzierung und der Apoptose die pathophysiologische Grundlage aller chronischen Erkrankungen wie z.B. Krebs und Alzheimer ist und bis jetzt zumindest eine indirekte Einflussnahme durch RF-EMF nicht sicher ausgeschlossen werden kann, muss die Abklärung dieser Fragestellung im Mttelpunkt zukünftiger Forschung stehen.
· Die REFLEX-Daten belegen keinesfalls einen kausalen Zusammenhang zwischen einer RF-EMF Exposition und der Entstehung chronischer Erkrankungen oder auch nur funktioneller Strörungen. Sie erhöhen jedoch die Plausibilität einer solchen Annahme. Der Fortschritt besteht im wesentlichen darin, dass neue Wege aufgezeigt werden, wie die zukünftige Forschung ausgerichtet sein soll.
· Solange die Erkenntnislage unzulänglich bleibt, sprechen die REFLEX-Daten dafür, dass das Vorsorgeprinzip zum Schutze der Bevölkerung von den Entscheidungsträgern in Industrie und Politik anerkannt werden sollte.


Dr. Joachim Schüz berichtete von einer Einrichtung des Landes Rheinland-Pfalz, die ebenfalls geeignet ist, wissenschaftliche Erkenntnisse zu liefern. Unter www.mainzer-emf-wachhund.de können Mobilfunkgeschädigte ihre Befindlichkeitsstörungen oder Schädigungen in Form eines Fragebogens berichten. Lt. Herrn Dr. Schüz sind bereits 150 Meldungen eingegangen. Im Augenblick wird nach einem geeigneten statistischen Verfahren gesucht, mit dem die Krankheitsberichte ausgewertet werden können. Eine Teilnehmerin aus dem Auditorium wies darauf hin, dass diese Einrichtung bundesweit geführt werden sollte.

Wie ist die Einstellung der Versicherungsbranche zu den Mobilfunkrisiken ?

Christian Schauer, Technikberater einer Rückversicherungsfirma, machte deutlich, dass die Versicherungsbranche keineswegs generell ablehne, Mobilfunkbeteiligte zu versichern, wie die Süddeutsche Zeitung Ende April 2004 berichtete. Jeder Fall würde individuell betrachtet.

Der Mobilfunkbereich ist allerdings für die Versicherungen eine besonders exponierte Branche, da erstens die Anzahl der Nutzer sehr gross ist und zweitens die Risikowahrnehmung zunehmen kann. Man spricht deshalb von „emerging risks", da diese neuartig, nur bedingt erkennbar und monetär bewertbar sind.

Die Rückversicherer versuchen der Herausforderung mit folgendem Massnahmenpaket zu entgegnen:

· Sensibilisierung und Information der Zedenten (Erstversicherungen) bezüglich der EMF-Problematik.
· Weltweite Beobachtung von Gesetzgebung und Rechtsprechung bezüglich EMF-relevanter Sachverhalte.
· Zeitnahe Beobachtung und Interpretation von Technologien und Forschungsvorhaben im Bereich EMF, d.h. Installation eines Frühwarnsystems.
· Herausarbeitung von Risikoschwerpunkten bei EMF-exponierten Branchen.

Tendenziell neigen viele Versicherungsbranchen im deutschen Markt dazu, Schäden aufgrund von EMF zukünftig nicht mehr vom Versicherungsschutz zu erfassen.


Wie ist die kirchliche Genehmigungspraxis von Mobilfunksendeanlagen ?

Dr. Klaus Lenhard, Umweltbeauftragter für das Bistum Mainz, stellte die neueste Entwicklung vor.

In Hessen und Rheinland-Pfalz und in weiten Teilen Bayerns und Niedersachsens sind in katholischen Bistümern Sendeanlagen nicht zulässig. Im Bistum Magdeburg und Berlin liegt die alleinige Entscheidung bei der Pfarrgemeinde.

Die evangelischen Landeskirchen in Hessen und Nordrhein-Westfalen raten von einer Installation grundsätzlich ab. In anderen Bundesländern entscheidet die Kirchengemeinde zusammen mit der vorgesetzten Dienststelle bzw. liegt die Entscheidung allein bei der Kirchengemeinde.

Der Tagungsband des 3. Rheinland-Pfälzisch-Hessischen Mobilfunksymposium in Mainz kann bestellt werden unter der Telefon-Nummer 06131-231973 oder per Email unter info@bund-rlp.de

Joachim Weise